Geschichten aus der Flora-Apotheke


Esther Kissel Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Heute schreibt die Autorin des Kirmes-Romans „Massaker", Barbara Ester, für uns die Kurzgeschichte:
„Betrunkener Taxifahrer".

Ihre Apothekerin
Nur meine Unterschrift

Esther Kissel

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 Betrunkener Taxifahrer

Ich sitze in einem Cafe. Ein renoviertes Herrenhaus am See. Ich lass mich einlullen. Ich schwöre, ich habe nichts gegen die kleinbürgerliche Atmosphäre. Aber diese gewollte Symbiose zwischen Gestern und Heute, diese verkrampfte Innenausstattung hält mich in einer Totmannstellung. Ich bin umgeben von Farben aus rauchblau und altrosa. Auf dem weißen Kachelofen schlummert eine weiße Porzellankatze. Stuckarbeiten. Geschwungener Kitsch, der in rauchblauen Kronleuchtern gipfelt. Ich sitze allein 'in dem kühlen Zimmer. Ich döse. Nur ab und zu greife ich nach der 45er unter meinem Blazer.

Draußen sitzt in der heißen Sonne ein Mann. Er ist stockbesoffen. Wie der Kopf eines Säuglings schlägt sein Schädel auf den Tisch. Dann reißt er ihn wieder hoch. Ich sehe, seine Lider sind schwer. Aber er gießt mir einen Blick in den Ausschnitt.

„Ich komm rein", sagt er zu mir durch das offene Fenster. Ich schüttet mit dem Kopf. Ich will ihn nicht an meinem Tisch sitzen haben. Ich will, dass er draußen sitzen bleibt. Ich will heute keine rührigen Biergeschichten hören.
Er schwankt mit dem Bierglas durch die Tür. Für einen kurzen Moment kann ich mich im Glas der Tür spiegeln. Ich sehe eine Frau in gedeckten Farben. Unauffällig gekleidet.

Er setzt sich unbeholfen an den Tisch. Mir schlägt eine Bierfahne entgegen. Kummergeruch. Ich weiß nicht, aus welcher Zeit. Seine ersten unbeholfenen Sätze lassen mich lächeln.

Taxifahrer sei er und kippt das Bier über den Tisch. „Willste auch eins?"

„Nein", antworte ich schroff, ich will, dass er geht. Ich bin schon jetzt gelangweilt. Ich drehe der 45er unter der Tischplatte den Schalldämpfer auf. Dabei schaue ich auf den kunstvoll gestalteten weißen Kachelofen. Wir sind allein. Die Kellnerin, die mir den Kaffee brachte, hat in der Küche zu tun. Ich höre, wie sie mit dem Geschirr klappert.
„Die meisten Leute stinken", spricht er mit klebrigem Speichel in den Mundwinkeln. „Aber du stinkst nicht. Einmal habe ich einen rausgeschmissen, weil er so gestunken hat. Glaubst du das?"

„Sicher", sage ich.

„Sie stinken wie Scheiße vor Weihnachten. Aber du stinkst nicht. Wirklich nicht. Ich fahre einen Benz. Einer hat sich mal die Leber auf dem Rücksitz ausgekotzt. Schöner Scheiß war das. Besonders schlimm ist es bei Vollmond". Ich nicke, überprüfe die Patronenkammern. Ich stehe auf.

„He, wo willst du hin? Wird doch jetzt erst richtig nett. Wo man sich doch so kennen lernt."

Ich antworte ihm nicht. Er klammert sich an meine Kleidung. Da kann ich nicht anders. Ich setze die Waffe am Hinterkopf seines Säuglingsschädels auf und drücke ab.

Beim Hinausgehen sehe ich, dass sein Babykopf auf der Tischplatte liegt. Schönes Bild.

Draußen in der Sonne steht sein Taxi. Ich steige ein und fahre nach Hause.

BARBARA ESTER
Florastr. 11
44649 Wanne-Eickel
02325/792409
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