Geschichten aus Wanne-Eickel


Alfred Kallinowski
Alfred Kallinowski berichtet:

Über 100 Jahre
Immer nah und immer da

 

Alfred Kalinovski

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 Trinkhallen in Wanne Eickel

Erst kam der Bergbau, dann die Trinkhalle. Eine Verkaufseinrichtung im "Mini-Format", die ihre Berechtigung auch nach weit über 100 Jahren ihres Bestehens nicht verloren hat. Vom Überraschungsei bis zum Fischrollmops, das Sortiment ist riesig. Hier ist noch Zeit für eine Plauderei, was vorallem alte Leute und Kinder zu schätzen wissen., ein Kontrast zur Seelenlosigkeit der Einkaufscenter und Supermärkte. Der "Flora-Chronist" hat in der Geschichte der "Bude" geblättert und dabei nachfolgende Aufzeichnungen entdeckt:

"Ob Trinkhalle, Kleinshop oder Kiosk, ihre Wurzel haben sie alle in der "Selterswasserbude", die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aus der Taufe gehoben wurde. Sie ist vom Ursprung her reviertypisch. Wer beispielsweise im Urlaub das Ruhrgebiet verläßt. findet anderswo kaum derartige Einrichtungen. Wann und wo in Wanne-Eickel die erste "Bude" errichtet wurde, darüber schweigt sich die Chronik aus - vermutlich waren es Bergleute, die bereits um 1870 großen Durst verspürten. Das war meist nach zehnstündiger Arbeit im Kohlenstreb, wenn dann der ausgelaugte Körper nach Flüssigkeit lechzte. Hier diente zunächst einfaches Kranwasser als Flüssigkeitsnachschub. Doch dieses Labsal brachte oft ungeahnte Folgen. Das ungechlorte Wasser führte zu Darmverstimmungen und Hautgeschwüren, die den Gang zum Knappschaftsarzt nicht ersparten.

Als Mineralwasserfabrikanten diese Mißstände aufdeckten, witterten sie Morgenluft und errichteten in näherer Umgebung der Zechen die besagten Seltersbuden. Das Geschäft florierte so gut, daß man es auf die großen Wohnviertel an der heutigen Hauptstraße ausdehnte. Zwischen Wanne und Crange schossen die Trinkhallen wie die Pilze aus dem Boden.

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Das "Schmuckstück" im Wanner Museum in der heutigen Darstellung

Bis 1940 gab es in Wanne-Eickel etwa 40 Selterswasser- und fünf Milchbuden. Das damals verkaufte Mineralwasser kennen ältere Bürger sicherlich noch als Knickerwasser: Brause mit Geschmack, der raffinierte Flaschenverschluß funktionierte mit einem Knicker, also einer gläsernen Murmel. Bei festem Druck spritzte es wie aus der Sektflasche. Pastöre protestierten gegen die Flaschen-Knallerei während der sonntäglichen Gottesdienste. Danach durfte Sprudel bei der Andacht nur außerhalb der kirchlichen Bannmeile von 200 Metern verkauft werden.

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Bis Ende der sechziger Jahre stand diese Seltersbude am Eckpunkt der Gelsenkircher Straße / Am Mühlenbach. Nach Geschäftsaufgabe wurde das Büdchen restauriert und landete im Heimatmuseum an der Unser-Fritz-Straße.

Ende der zwanziger Jahre änderte sich das Bild. Eine Bude ohne Bier? Das geht doch nicht! Die Trink-Oase wurde zu einem Treffpunkt für Familien. Das Sortiment wurde auf Genußmittel wie Zigaretten, Kautabak, Kaffee und Tee erweitert. Kinder erfreuten sich an Knickelklümpchen, Liebesperlen und Wundertüten. Wenn auf den Zechen Lohntag war - jeweils am 5., 15. und 25. des Monats - gab es dichtes Gedränge um die meist vier Quadratmeter großen Holzbuden. Gluck, gluck war manchmal die Flasche Hülsmann-Bier leer - den nötigen Nachschub nahm man mit nach Hause.

Im Gegensatz zu den fast ausgestorbenen Tante-Emma-Läden sind uns die Büdchen bis heute erhalten geblieben, und kaum einer möchte sie missen.

In Wanne-Eickel gibt es derzeit rund 60 an der Zahl, von denen manche von morgens 6 bis abends 22 Uhr durchgehend geöffnet sind.

 

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