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Daß es den Entfesselungskünstler
Henry Morton wirklich gab, wußte man: schließlich
war in nicht wenigen Zeitungen über ihn berichtet
worden. Daß er am Kanal zwischen Herne und Crange
vor zahlreichem Publikum seinen Auftritt hatte
und sein Unterwassermanöver vorführte, war auch
bekannt. Nur, daß es Fotos davon gab, wußte
niemand.
Der Flora-Chronist hat jüngst
alte Archivbilder aufgestöbert, auf denen das
vor nunmehr 83 Jahren stattgefundene Ereignis
noch einmal zu sehen ist.
Dieser Henry Morton hieß
eigentlich anders, nämlich Wilhelm Schaber,
und war Lagerarbeiter in einer Bierbrauerei.
Hier machte es ihm Spaß, sich von den Arbeitskollegen
mit festen Stricken fesseln zu lassen, um sich
dann sekundenschnell ohne fremde Hilfe von der
Behinderung wieder zu lösen. Das war seine amüsante
Seite. Die weniger angenehme: Er neigte zu Gewalttätigkeiten
und kam wegen Schlägereien immer wieder mit
der Polizei in Konflikt.
Wegen einer solchen Keilerei
entließ ihn der Brauereibesitzer. Der muskelbepackte
Wilhelm stand mittellos auf der Straße, fand
aber bald bei einem kleinen Zirkusunternehmen
namens "Florida" einen Job als Zeltarbeiter.
Schnell entdeckte man seinen verblüffenden Umgang
mit Fesseln, worauf er als Artist ins Programm
übernommen wurde. Fortan hieß er Henry Morton,
dennoch mußte er weiterhin beim jeweiligen Auf-
und Abbau des Zirkuszeltes helfen.
Als "Florida" im Ruhrgebiet
gastierte, stieg in ihm wieder einmal der Jähzorn
hoch. Der Chef des Unternehmens bezichtigte
ihn des Diebstahls, worauf ihn der Entfesselungskünstler
zusammenschlug. Morton stand wieder arbeitslos
auf der Straße.
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