Geschichten aus Wanne-Eickel


Alfred Kallinowski
Alfred Kallinowski berichtet:

Damals am

Rhein-Herne-Kanal

 

Alfred Kalinovski

Weitere Artikel in unserem Archiv >>

 Henry Morton springt mit Eisenketten ins trübe Kanalwasser

Daß es den Entfesselungskünstler Henry Morton wirklich gab, wußte man: schließlich war in nicht wenigen Zeitungen über ihn berichtet worden. Daß er am Kanal zwischen Herne und Crange vor zahlreichem Publikum seinen Auftritt hatte und sein Unterwassermanöver vorführte, war auch bekannt. Nur, daß es Fotos davon gab, wußte niemand.

Der Flora-Chronist hat jüngst alte Archivbilder aufgestöbert, auf denen das vor nunmehr 83 Jahren stattgefundene Ereignis noch einmal zu sehen ist.

Dieser Henry Morton hieß eigentlich anders, nämlich Wilhelm Schaber, und war Lagerarbeiter in einer Bierbrauerei. Hier machte es ihm Spaß, sich von den Arbeitskollegen mit festen Stricken fesseln zu lassen, um sich dann sekundenschnell ohne fremde Hilfe von der Behinderung wieder zu lösen. Das war seine amüsante Seite. Die weniger angenehme: Er neigte zu Gewalttätigkeiten und kam wegen Schlägereien immer wieder mit der Polizei in Konflikt.

Wegen einer solchen Keilerei entließ ihn der Brauereibesitzer. Der muskelbepackte Wilhelm stand mittellos auf der Straße, fand aber bald bei einem kleinen Zirkusunternehmen namens "Florida" einen Job als Zeltarbeiter. Schnell entdeckte man seinen verblüffenden Umgang mit Fesseln, worauf er als Artist ins Programm übernommen wurde. Fortan hieß er Henry Morton, dennoch mußte er weiterhin beim jeweiligen Auf- und Abbau des Zirkuszeltes helfen.

Als "Florida" im Ruhrgebiet gastierte, stieg in ihm wieder einmal der Jähzorn hoch. Der Chef des Unternehmens bezichtigte ihn des Diebstahls, worauf ihn der Entfesselungskünstler zusammenschlug. Morton stand wieder arbeitslos auf der Straße.

Mit Ketten gefesselt in den Kanal

Kriminalbeamte fesselten Henry Morton vor dem Sprung in den Kanal.

Da nahm er sich vor, als Ein-Mann-Show durch die Lande zu ziehen. Bei seinem Debüt in Wanne-Eickel schlug er Plakate an die Stra8enbäume, auf denen er das Publikum höflichst zum Besuch seiner höchstgefährlichen Akrobatik einlud.

Die Polizei zeigte wenig Verständnis, riß die Plakate ab und wollte die Veranstaltung als groben Unfug verbieten. Aber es war schon zu spät. Einige hundert Menschen standen bereits am Kanalufer. Kriminalbeamte aus Herne setzten Morton ein UItimatum: "Sie machen hier Ihren Auftritt, und dann verschwinden Sie für immer aus dieser Stadt." Henry Morton bat die Polizisten, ihn mit schweren sibirischen Sträflingsketten zu fesseln. Die Beamten ließen sich das nicht zweimal sagen. Das Publikum schaute atemlos zu, als der Gefesselte ins trübe Kanalwasser sprang.

Fettes Honorar nach dem Auftauchen

Nach dem Auftauchen konnte der Artist ein fettes Honorar einheimsen - mit der Mütze versteht sich. Im Volsmund wurde er auch als Ausbrecherkönig tituliert.

Es dauerte einige Sekunden, da tauchte Morton wieder auf, die gesprengten Eisenketten triumphierend in der Hand. Während sich die Polizeidiener noch betroffen anschauten, ließ der Entfesselungskünstler die Ovationen der Zuschauer über sich ergehen und hielt ihnen seine Mütze hin. Das Honorar fiel reichlich aus. Immer wieder wollten Schaulustige die Ketten sehen. Niemand konnte einen faulen Trick erkennen.

Aber Henry Morton mußte schon am gleichen Tag die Wanner Umgebung verlassen. Nach einem Zwangsaufenthalt im "Kittchen" trieb es ihn an die Ruhr, wo er seine Künste fortsetzte.

 

Weitere Geschichten finden Sie in unserem Archiv.

Preiswert für Ihre Gesundheit!