Geschichten aus Wanne-Eickel


Alfred Kallinowski
Alfred Kallinowski berichtet:

Kriegsausbruch im
August 1914:

Alfred Kalinowski

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 In der Melanchthonschule wurde eine Suppenküche
 für Bedürftige eingerichtet

Der 26. Juli 1914 war ein Sonntag. Ein Hoch über ganz Deutschland ließ auch die Temperaturen im Ruhrgebiet auf über 30 Grad ansteigen. Der Himmel war wolkenlos, was man volkstümlich "Kaiserwetter" nannte. Wanner und Cranger Familien zogen scharenweise zum Flugplatz nördlich der Emscher, wo Doppeldecker und das legendäre Luftschiff "Charlotte" starten sollten. Für die Besucher unverständlich, geriet alles ins Stocken: Das Reichsluftfahrtsamt in Berlin hatte nämlich alle privaten Flugversuche kurzfristig untersagt.

Am besagten Sonntag ging es auch in Wanne-Nord zünftig zu. Der Stenografenverein "Gabelsberger" feierte im Lokal von Wilhelm Marzina sein Sommerfest - jene Kneipe, wo heute unsere Flora-Apotheke steht. Während man sich für 10 Pfennig bei der Bootspartie auf dem kleinen Gondelteich vergnügte, kamen kaum Stimmen auf, daß binnen einer Woche alles anders werden sollte.

So kam es, daß ausgerechnet Kirchenglocken von Sankt Laurentius, Luther- und Christuskirche den Krieg einläuteten. Alles passierte um die Mittagszeit am 1. August 1914. An Plakatsäulen studierte man die Mobilmachungsbefehle, die Dienstpflichtigen und Reservisten mußten sich im Rathaus melden.

Bei der Eisenbahn war der "Friedensfahrplan" außer Kraft gesetzt, stattdessen tauchte ein Fahrplan mit Militär-Sonderzügen auf. Mit Köfferchen und Pappkartons maschierten die Rekruten über die Bahnhofsstraße (heute Hauptstraße) zum Wanner Bahnhof, damals Sammelplatz für die Weiterfahrt an die Westfront. Zwei Tage später erging an die Wanner Pferdehalter die Aufforderung, ihre Gäule zur "Pferdemusterung" vorzuführen.

Ähnlich traf es die Brieftaubenzüchter: 200 preisgekrönte Vögel wurden kurzerhand beschlagnahmt und dem militärischen Nachrichtendienst zugeführt.

Die Stimmung der Wanner Bevölkerung wurde in den damaligen Tagen als ruhig und entschlossen geschildert. Gottesdienste waren stark besucht, aus der Flora-Gaststätte erklang häufig die Kaiserhymne "Heil dir im Siegerkranz". Die meisten Geschäfte waren im Nu ausverkauft-im heutigen Modehaus Kolter konnte man bestenfalls ein Röllchen Nähgarn ergattern. Weil der Obst- und Gemüsenachschub fehlte, mußten etliche Händler ihren Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt in Wanne-Nord aufgeben. Damit war dann auch die erste Hungersnot vorprogrammiert.

Der Wanner Gemeindeamtmann Weiberg zeigte Einsicht für die Not der alten Leute und ließ am 24. August 1914 die erste "Suppenküche" in der Melanchthonschule einrichten. Das einfache Essen kostete zehn Pfennig, für den Eintopf mit Fleischbeilage mußte man das Doppelte zu legen. Der Zuspruch war so groß, daß weitere Volksküchen in der Laurentiusschule und im sogenannten "Kleiner Vatikan" an der Mozartstraße in Betrieb gingen. Als es dann auch im "Evangelischen Vereinshaus" an der Claudiusstraße eng wurde, versuchte man es mit der Gulaschkanone. Alles lief zentral aus der Großküche im Schlachthof an der Ecke Gelsenkircher Straße.

Niemand ahnte, daß die katastrophale Versorgungslage drei Jahre später in den berüchtigten "Steckrübenwinter" einmünden würde. Das Chaos war perfekt, als Kaiser Wilhelm im Oktober 1918 abdankte und den Wanne-Eickelern mit über 1000 Kriegstoten ein schmerzliches Erbe hinterließ.

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Mit Köfferchen und Pappkartons zogen die Wehrpflichtigen zum Bahnhof, der vor 85 Jahren Sammelpunkt für die Weiterfahrt zur Westfront war.

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