Geschichten aus Wanne-Eickel


Alfred Kallinowski
Alfred Kallinowski berichtet:

100 Jahre Knast an der Krümmede:

 

Alfred Kalinowski

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 Wanne - Eickeler Straftäter sind überwiegend in Bochum inhaftiert

Statistisch gesehen landet jeder dritte Bundesbürger zu seinen Lebzeiten irgendwann einmal vor dem Kadi. Bezogen auf derzeit rund 84.000 Wanne - Eickeler wären das 28.000 Rechtsbrecher - eine Zahl, die uns eigentlich recht bedenklich stimmen müßte. Doch bei den anhängigen Verfahren kommt es meist zu Geld- oder Bewährungsstrafen. Schließlich sind es nur wenige, die den Weg ins "Kittchen" antreten müssen. Und, weil es in Wanne - Eickel kein Gefängnis gibt, landen die Verurteilten größtenteils in der benachbarten Justizvollzugsanstalt (JVA) Bochum. Hier verbüßen zur Zeit etwa 20 Wanne - Eickeler - die Zahl ist geschätzt - teilweise mehrjährige Haftstrafen.

Diesbezüglich drehen wir die Zeit um 100 Jahre zurück. Bis zum 13. August 1897 hieß Wanne noch Bickern und gehörte zusammen mit Eickel zum Landkreis Gelsenkirchen. Es gab noch kein gemeinsames Rathaus - in Eickel und Wanne je ein Amtshaus mit fünf Arrestzellen. Mit zunehmender Bevölkerung kletterte auch die Zahl der Straftaten. Die Bezirksregierung in Arnsberg ließ daraufhin an der Krümmede in Bochum ein "Centralgefängnis" errichten, das am 1. Oktober 1897 in Betrieb ging. Hier mußten dann auch Straftäter aus Crange, Holsterhausen und Röhlinghausen den aufgebrummten Freiheitsentzug absitzen. Um die Jahrhundertwende waren hier 710 Männer und 46 Frauen inhaftiert. Der Gefängnisbau war auf 1,73 Millionen Mark fixiert und wurde von Häftlingen in Eigenarbeit errichtet. Die Kerkermauer, nur zwei Meter hoch, konnte von Ausreißern schnell erklommen werden. Dabei sollten 41 Wächter und drei weibliche Bedienstete für Ordnung sorgen.

Über viele Jahrzehnte lief der Gefängnistrott nach dem Reglement der preußischen Gesetzgebung. Als dann im zweiten Weltkrieg feindliche Fliegerbomben auf Wanne - Eickel niederprasselten, waren es ausgerechnet Strafgefangene, die bei der Entschärfung von Blindgängern ihr Leben riskierten. Keine Chronik gibt heute Auskunft darüber, wie viele freiwillige Haft-Feuerwerker beim Herausdrehen des Zünders tödlich verletzt in die Luft flogen.

Die Krümmede vor 100 Jahren

Vor 100 Jahren war die Gefängnismauer nur zwei Meter hoch und konnte von Ausreißern buchstäblich im "Hechtsprung" überwunden werden.

Erst Ende der fünfziger Jahre bahnte sich eine Reformierung des Strafvollzugs an. Das Bochumer Frauengefängnis wurde aufgelöst, der Gesamtkomplex in Richtung "Ruhr - Stadion" bis 1985 erweitert. Doch für die persönliche Unterbringung der Insassen hat sich eigentlich kaum etwas getan. Bei einer Normalbelegung von 755 Personen sind derzeit bis zu 900 Männer in der JVA untergebracht. Da kommt es nicht selten vor, daß sich bis zu 6 Personen eine Kleinzelle teilen.

In der Gesamtbelegung haben Untersuchungshäftlinge einen Anteil von 25 Prozent, 20 v. H. sind Ausländer. 300 Inhaftierte haben mit Drogen- und Alkoholproblemen zu tun. Gelegentlich kommt es sogar vor, daß der zuständige Staatsanwalt per Gerichtsverfügung eine Flasche Schnaps bewilligt, um damit die ersten Entzugserscheinungen in Grenzen zu halten. Weil es an Aufträgen fehlt, sind 200 Einsitzende unfreiwillig arbeitslos. Für Beschäftigte liegt der Tagesverdienst je nach ausgeübter Tätigkeit zwischen sieben und zwölf Mark. Vom Verdienst wird ein Drittel für die Entlassung angespart, für den Restbetrag können zweimal im Monat beim anstaltsinternen Einkauf Nahrungs-, Genuß- und Körperpflegemittel erworben werden. Das steht allerdings im krassen Gegensatz zu den täglichen Unterhaltskosten von 175 DM, die man der öffentlichen Kasse entnimmt. In der hauseigenen Küche werden drei Tagesmahlzeiten zubereitet, die auf 2600 Kalorien ausgerichtet sind. Das Essen wird per Kochlöffel portioniert in der Zelle einverleibt, gleich neben der internen Latrine.

Man nehme...

Durchschnittlich monatliche Ausgaben verschiedener Lebensmittel aus der Anstaltsküche:

10.800 kg Brot
10.000 kg Kartoffeln
6.500 l H-Milch
3.880 kg Fleisch- und Wurstwaren
3.200 kg Frischgemüse und Salat
2.400 kg Frischobst
1.800 kg Margarine und Fette
1.200 kg Nudeln, Reis pp.
700 kg Konfitüre pp.
650 kg Käse, Quark pp.
400 kg Hülsenfrüchte
250 kg Milchpulver
250 kg Zucker
200 kg Mehl
80 kg Kakao
80 kg Gewürze pp.
45 kg Kaffee-Ersatz

Der durchschnittliche Monatsverbrauch von Lebensmitteln in der Bochumer - Haftanstalt. Die Gesamtausgaben belaufen sich auf rund 5 Millionen Mark im Jahr.

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Verteilung der Mahlzeit, die in der Zelle einverleibt wird. Dafür muß heute jeder Häftling mit 175 Mark pro Tag an Unterhaltskosten aus der Staatskasse finanziert werden.

Auch das JVA-Personal hat im Gegensatz zu früher mächtig zugelegt. 400 Bedienstete, davon 290 im uniformierten Schichtdienst, erledigen das oftmals harte Dienstgeschäft. Umgerechnet bedeutet das: ein Justizangestellter betreut zwei Inhaftierte. 27 Handwerksmeister kümmern sich um die individuelle Abwicklung, vier Lehrer sollen eine schulische Weiterbildung ermöglichen.

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1990 fanden die ersten Frauen Zugang zum männlichen Vollzugsdienst der JVA Bochum. Derzeit betreuen 46 Beamtinnen und Angestellte die inhaftierte Männergesellschaft.

Nicht immer klappt es, wenn drei Psychologen gestrauchelte Menschen wieder in die normale Lebensbahn lenken möchten. Hinzu kommen zwei Pfarrer der evang. und kath. Kirche, die über die Seelsorge hinaus auch den sozialen Ausgleich ins Gespräch bringen.

Der evang. Gefängnispfarrer Detlef Frische sucht auch in Wanne – Eickel dringend ehrenamtliche Helfer, die im Interessenverein "pro cura" langfristig einen Inhaftierten persönlich betreuen wollen. Einzelheiten dazu können unter der

Tel-Nr.: 0234/50 33 44

erfragt werden.

Ebenso bittet die katholische Gefängnisseelsorge um Ihre Mithilfe. Dabei sind auch Geld- und Sachspenden erwünscht. Auf der Suchliste stehen u.a. Kaffee, Tee, Süßigkeiten, Tabak, Kartenspiele, Kleinfernseher, Zimmerradios, Gitarren, Bibeln, Kerzen und Blumen für den Kirchenraum.

Kontaktadresse:

Diakon Hans-Gerd Holtkamp
Krümmede 3
44791 Bochum
Tel.: 0234/95 58 24 6.

Interessierte Wanne - Eickeler können den benachbarten Knast bei einem zweistündigen Rundgang auch persönlich unter die Lupe nehmen. Geschlossene Besuchergruppen, möglichst bis zu 20 Personen, richten ihre Anfrage schriftlich an die

JVA Bochum
Krümmede 3
44791 Bochum.

Zwischenruf

Möchten Sie über Jahre hinweg mit einer Ihnen unbekannten Person ein Zimmer teilen? Zahlen Sie eine Extra-Prämie an die Krankenkasse, damit Sie im Fall des Falles im Krankenhaus ein Einzelzimmer bekommen?

Wenn die Privatsphäre so viel wert ist, was ist im Gefängnis dann schlimm daran? Warum spricht man so vorwurfsvoll von "Einzelhaft", wenn ein Gefangener seinen eigenen Haftraum hat? Ein Zustand, den, nebenbei gesagt, die JVA Bochum heute nicht mehr durchgängig bieten kann, der bereits Luxus ist, genau wie "draußen" eine geräumige Wohnung.

Also, zu den Begriffen: Ein Gefangener, der für sich alleine einen Haftraum hat, ist nicht in "Einzelhaft", sondern in "Einzelunterbringung". Dies sollte nach § 18 l Strafvollzugsgesetz der Normalfall sein, ist er aber nicht, weil Überfüllung dagegensteht.

"Einzelhaft" ist eine völlig andere Qualität. Es handelt sich hier um die unausgesetzte Absonderung eines Gefangenen, also auch während der Arbeit und in der Freizeit. Sie ist nur zulässig, wenn dies aus Gründen, die in der Person des Gefangenen liegen, unerläßlich ist (§ 89 I Strafvollzugsgesetz). Länger als drei Monate im Jahr darf keine Justizvollzugsanstalt ohne Zustimmung der Aufsichtsbehörde Einzelhaft anordnen.

Wenn Sie demnächst wieder das Wort "Einzelhaft" hören, prüfen Sie nach: Wie sieht der Sachverhalt aus? "Einzelhaft" ist eine gewaltige Wortkeule, vor der jeder erschrickt. Sie verkennt völlig den Anspruch der Gefangenen auf wenigstens ein Minimum an Privatsphäre.

"Bochumer Knast ist kein Hotel". Diesen Zwischenruf haben wir einer Veröffentlichung zum Tag der offenen Tür vom 25. August 1996 entnommen.

 

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