Geschichten aus Wanne-Eickel


Alfred Kallinowski
Alfred Kallinowski berichtet:

Heiligabend 1918

 

Alfred Kallinowski

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 Trockengemüse und Steckrüben ersetzten die Weihnachtsgans

Die größte Hungersnot dieses Jahrhunderts erlebten die Wanne-Eickeler vor 80 Jahren. Zwei Monate nach Ende des Weltkrieges von 1918 bekam die Bevölkerung immer weniger zu essen. Um die Weihnachtszeit nahm die Versorgungslage in der 30.000 Einwohner zählenden Amtsgemeinde Wanne katastrophale Folgen an.

Da auch Brot und Kartoffeln kaum zu haben waren, mußten sich die meisten Bürger mit Steckrüben und Trockengemüse über Wasser halten. Nur selten war in der Einheitssuppe ein Fettauge zu entdecken. Vor den Lebensmittelläden und Konsumanstalten bildeten sich lange Käuferschlangen, um wenigstens eine abgelederte Speckschwarte zu ergattern. Wer Glück hatte, bekam 50 Gramm Zucker. Dabei wurde die zugedachte Mini-Ration mangels Papiertüten nicht selten in mitgebrachten Briefumschlägen verpackt. Drei Tage vor Weihnachten gab es dann schließlich noch einen Sonderaufruf: Auf dem Wochenmarkt in Wanne-Nord erhielt jede Familie 100 Gramm Stockfisch - Einzelpersonen bekamen die Hälfte.

Tannenbaum

Nur gelegentlich gab es vor 80 Jahren einen geschmückten Tannenbaum mit Kinderbescherung.

 

Otto Hue

Trotz wirtschaftlicher Mißstände konnte die Bergarbeitergewerkschaft für rund 10.000 Wanne-Eickeler Kumpel ein außergewöhnliches Weihnachtsgeschenk verbuchen. Vor 80 Jahren nämlich wurde die Acht-Stunden-Schicht eingeführt. Otto Hue (Bild) und Fritz Husemann als Gewerkschaftschef, hatten im Einvernehmen mit den Zechenherren diese Neuerung eingeführt. Also 48 Stunden pro Woche, einschließlich Samstag.

Verständlich, daß in dem frostigen Winter 1918 auch die Brennstoffversorgung ins Stocken geriet. Beim Kohlenhändler Endemann an der Freisenstraße warteten frierende Menschen mit Bollerwagen. Da lohnte es kaum, die geringen Verkaufsmengen erst auf die Waage zu schippen. Im Zinkeimer zu je 20 Litern wurden die schwarzen Diamanten an Bezugsberechtigte verteilt. Für einen Familienhaushalt bedeutete das: "Ein Eimer Kohle für die Festwoche zwischen Weihnachten und Neujahr." Trockenfisch und Steckrübensuppe zum Heiligabend - wer kann das heute noch ermessen?

Eine besinnliche Adventszeit

 

Schlangestehen beim Kohlenhändler

Schlangestehen beim Kohlehändler: Frierend und mit Bollerwagen warteten die Wanner auf Heizmaterial.

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