Geschichten aus Wanne-Eickel


Margret Rettich
Als Weihnachten ausfiel

Nicht jetzt – irgendwann, wahrscheinlich in ein paar Jahren, hatten es Herr und Frau Schmidt gründlich satt, Weihnachten zu feiern. "Der Trubel fängt immer früher an", sagte Frau Schmidt, als im August die ersten Lebkuchen im Schaufenster lagen.
Herr Schmidt brummte: "Es ist alles nur ein Geschäft geworden."
Frau Schmidt war derselben Meinung, darum sagte sie: "Das machen wir nicht mehr mit. Niemand kann uns dazu zwingen. Ich finde, wir lassen Weihnachten einfach mal ausfallen."
Herr Schmidt war einverstanden. Sie beschlossen, sich um nichts zu kümmern, was mit Weihnachten zusammenhing. Keine Vorbereitungen, keine Anstrengungen, keine Aufregungen. Weihnachten sollte für Herrn und Frau Schmidt ein Tag wie jeder andere sein.
Während in den nächsten Wochen alle Leute mit Tüten, Einkaufsbeuteln, Taschen, Päckchen und Paketen durch die Straßen von Kaufhaus zu Kaufhaus und von Geschäft zu Geschäft hetzten, gingen Herr und Frau Schmidt gemütlich im Park spazieren und fütterten am Teich die Enten. Es war ganz ruhig dort und sie waren fast allein.
Wenn sie heimkamen, fanden sie manchmal im Briefkasten eine bunte Karte von Bekannten, die ihnen "FROHE WEIHNACHTEN" wünschten. Sie warfen sie Karte gleich weg und sagten: "Weihnachten fällt für uns aus."
Allerdings träumte Herr Schmidt in dieser Zeit öfter, dass er ein Kind war, das auf den Weihnachtsmann wartet. Aber diesen Traum erzählte er lieber nicht. Frau Schmidt summte manchmal ein Weihnachtslied, doch nur, wenn Herr Schmidt nicht in der Nähe war.
Sobald sie beisammen waren, sagten sie immer wieder: "Es war eine gute Idee, dass Weihnachten für uns ausfällt."
Schließlich war der Heilige Abend da.
Nach dem Frühstück meinte Frau Schmidt: "Also, ich werde heute mal Wäsche waschen."
"Ja, tu das", sagte Herr Schmidt. "Ich repariere heute endlich unseren Kleiderschrank." Dazu brauchte er allerdings Dübel und Schrauben, und Frau Schmidt hatte nicht genug Waschpulver. Sie mussten also einkaufen gehen. An diesem Tag schienen noch mal alle Leute unterwegs zu sein.
Herr und Frau Schmidt kamen im Gedränge kaum voran. Sie wurden geschubst, gestoßen und getreten, ehe sie endlich vor dem Kaufhaus standen.
Außer Atem sagte Frau Schmidt: "Das ist ja grässlich! Schnell weg von hier! Am besten wird es sein, wenn wir uns beim Einkaufen trennen, das geht schneller."
Herr Schmidt wurde bereits von der Menge weitergeschoben. Er rief noch: "Wir treffen uns nachher hinter dem Kaufhaus!" Dann war er weg.
Waschpulver gab es unten in der Lebensmittelabteilung.
Frau Schmidt kann kaum an das Regel heran. Immer wieder keuchten Leute mit hochgepackten Wagen vorbei und drängten sie beiseite. Endlich hatte sie ihr Waschpulver ergattert.
Doch nun musste sie in einer langen Schlange vor der Kasse warten. Die Kassiererin tippte zwar so schnell, als hätte sie fünfzig Finger, trotzdem war Frau Schmidt erst nach einer halben Stunde an der Reihe. Sie bezahlte und steckte ihr Waschpulver in eine Einkaufsbeutel. Dan zwängte sie sich als letzte in einen überfüllten Fahrstuhl. Alle anderen Leute hielten vier oder fünf Einkaufsbeutel umklammert, die sie sich beim Aussteigen gegenseitig wegrissen. Frau Schmidt erwischte ihren Beutel gerade noch, ehe der Fahrstuhl wieder losfuhr.

Herrn Schmidt erging es nicht besser.
Dübel und Schrauben gab es oben im vierten Stock. Aber dort gab es auch Kerzen, Kugeln und Lametta. Das kauften die Leute in großen Mengen. Niemand außer Herr Schmidt verlangte heute Dübel und Schrauben.
Es dauerte eine ganze Weile, eher er bezahlen konnte.
Dann dauerte es noch einmal so lange, bis er einen Platz auf der vollen Rolltreppe fand. Erst verlor er fast das Gleichgewicht, dann verlor er fast seinen Einkaufsbeutel, den ihm jemand aus Versehen aus der Hand zerrte. Endlich langte er unten an.
Er ruderte schnell durch die Menschenmenge nach draußen und rannte hinter das Kaufhaus.
Fast gleichzeitig kam Frau Schmidt an. Beide mussten einen Weile verschnaufen. In der Nähe hatte ein Mann Weihnachtsbäume verkauft. Er rief ihnen zu: "Wie wär's, Herrschaften? Hier habe ich den letzten Weihnachtsbaum! Ein Sonderangebot zum halben Preis! Greifen Sie zu, denn ab sofort stelle ich den Verkauf für ein Jahr ein!"
Herr und Frau Schmidt guckten den kleinen krummen Baum an, den ihnen der Mann entgegenhielt. Frau Schmidt schüttelte den Kopf und meinte: "Man hätte ihn lieber im Wald lassen sollen." Herr Schmidt erklärte dem Mann: "Danke für Ihr Angebot, aber wir sind dagegen. Wir lassen Weihnachten nämlich ausfallen."
"Wieder so eine neue Masche", brummte der Mann. Er stopfte den kleinen krummen Baum in eine Mülltonne und brauste in seinem Lastwagen davon.
Zu Hause tranken Herr und Frau Schmidt am Nachmittag gemütlich Tee, genau wie alle Tage. Dann saßen sie da und sagten nichts.
Sonst hatten sie sich immer etwas zu erzählen. Jetzt dachte Herr Schmidt an seinen Traum. Frau Schmidt dachte an die Weihnachtslieder. Fast hätte sie gesungen, doch sie sagte lieber: "Also, ich werde nun Wäsche waschen."
"Gut, dann repariere ich den Kleiderschrank", meinte Herr Schmidt. Sie standen auf und gingen in die Küche.
Auf dem Küchentisch lagen die beiden Einkaufsbeutel. Weil sie aus demselben Kaufhaus stammten, glichen sie einander aufs Haar. Herr Schmidt nahm den einen Beutel in die Hand. Dann schnupperte er. Im Beutel roch es merkwürdig gut. So richtig nach Weihnachten. Als Herr Schmidt hineingriff, brachte er Lebkuchen, Äpfel und Zuckerzeug zum Vorschein. Er freute sich zwar, aber er sagte zu Frau Schmidt: "Was hast du für ein merkwürdiges Waschpulver gekauft!"
"Kein anderes als sonst", erwiderte Frau Schmidt. Dann sah auch sie, was in dem Beutel war und rief: "Das habe ich nicht gekauft! Das ist dein Beutel! Ich habe geahnt, dass du dich nicht an unsere Abmachung hältst!" Herr Schmidt war etwas eingeschnappt. Er rief: "Du irrst dich! Ich habe dies hier gekauft!" Er drehte den anderen Einkaufsbeutel um. Über den Küchentisch rollten Kerzen und Kugeln.
Herr und Frau Schmidt guckten sich an und dachten dasselbe.
Endlich sagte Herr Schmidt: "Ich habe ganz bestimmte nur Dübel und Schrauben gekauft."
"Und ich nur Waschpulver", sagte Frau Schmidt.
Sie guckten sich wieder an und dachten nach.
"Ja, dann müssen die Beutel im Gedränge vertauscht worden sein", meinte Frau Schmidt schließlich.
Herr Schmidt sagte: "Wer mag wohl jetzt mit Dübeln, Schrauben und Waschpulver Weihnachten feiern?" Und darüber mussten sie lachen.
Herr und Frau Schmidt saßen am Küchentisch. Die Lebkuchen dufteten. Die Kerzen leuchteten. In den blanken Kugeln spiegelte sich alles ringsumher. Draußen läuteten die Glocken. Gleichzeitig sagten beide: "FROHE WEIHNACHTEN!" und gaben sich die Hand. Dann sprangen sie auf und zogen die Mäntel an.
Sie liefen durch die leeren Straßen bis hinter das Kaufhaus.
Dort zogen sie den kleinen krummen Baum aus der Mülltonne.

Weitere Geschichten finden Sie in unserem Archiv.

Preiswert für Ihre Gesundheit!