|
Nicht jetzt – irgendwann, wahrscheinlich in ein
paar Jahren, hatten es Herr und Frau Schmidt gründlich
satt, Weihnachten zu feiern. "Der Trubel fängt immer
früher an", sagte Frau Schmidt, als im August die
ersten Lebkuchen im Schaufenster lagen.
Herr Schmidt brummte: "Es ist alles nur ein Geschäft
geworden."
Frau Schmidt war derselben Meinung, darum sagte
sie: "Das machen wir nicht mehr mit. Niemand kann
uns dazu zwingen. Ich finde, wir lassen Weihnachten
einfach mal ausfallen."
Herr Schmidt war einverstanden. Sie beschlossen,
sich um nichts zu kümmern, was mit Weihnachten zusammenhing.
Keine Vorbereitungen, keine Anstrengungen, keine
Aufregungen. Weihnachten sollte für Herrn und Frau
Schmidt ein Tag wie jeder andere sein.
Während in den nächsten Wochen alle Leute mit Tüten,
Einkaufsbeuteln, Taschen, Päckchen und Paketen durch
die Straßen von Kaufhaus zu Kaufhaus und von Geschäft
zu Geschäft hetzten, gingen Herr und Frau Schmidt
gemütlich im Park spazieren und fütterten am Teich
die Enten. Es war ganz ruhig dort und sie waren
fast allein.
Wenn sie heimkamen, fanden sie manchmal im
Briefkasten eine bunte Karte von Bekannten, die
ihnen "FROHE WEIHNACHTEN" wünschten. Sie warfen
sie Karte gleich weg und sagten: "Weihnachten fällt
für uns aus."
Allerdings träumte Herr Schmidt in dieser Zeit öfter,
dass er ein Kind war, das auf den Weihnachtsmann
wartet. Aber diesen Traum erzählte er lieber nicht.
Frau Schmidt summte manchmal ein Weihnachtslied,
doch nur, wenn Herr Schmidt nicht in der Nähe war.
Sobald sie beisammen waren, sagten sie immer wieder:
"Es war eine gute Idee, dass Weihnachten für uns
ausfällt."
Schließlich war der Heilige Abend da.
Nach dem Frühstück meinte Frau Schmidt: "Also, ich
werde heute mal Wäsche waschen."
"Ja, tu das", sagte Herr Schmidt. "Ich repariere
heute endlich unseren Kleiderschrank." Dazu brauchte
er allerdings Dübel und Schrauben, und Frau Schmidt
hatte nicht genug Waschpulver. Sie mussten also
einkaufen gehen. An diesem Tag schienen noch mal
alle Leute unterwegs zu sein.
Herr und Frau Schmidt kamen im Gedränge kaum voran.
Sie wurden geschubst, gestoßen und getreten, ehe
sie endlich vor dem Kaufhaus standen.
Außer Atem sagte Frau Schmidt: "Das ist ja grässlich!
Schnell weg von hier! Am besten wird es sein, wenn
wir uns beim Einkaufen trennen, das geht schneller."
Herr Schmidt wurde bereits von der Menge weitergeschoben.
Er rief noch: "Wir treffen uns nachher hinter dem
Kaufhaus!" Dann war er weg.
Waschpulver gab es unten in der Lebensmittelabteilung.
Frau Schmidt kann kaum an das Regel heran. Immer
wieder keuchten Leute mit hochgepackten Wagen vorbei
und drängten sie beiseite. Endlich hatte sie ihr
Waschpulver ergattert.
Doch nun musste sie in einer langen Schlange vor
der Kasse warten. Die Kassiererin tippte zwar so
schnell, als hätte sie fünfzig Finger, trotzdem
war Frau Schmidt erst nach einer halben Stunde an
der Reihe. Sie bezahlte und steckte ihr Waschpulver
in eine Einkaufsbeutel. Dan zwängte sie sich als
letzte in einen überfüllten Fahrstuhl. Alle anderen
Leute hielten vier oder fünf Einkaufsbeutel umklammert,
die sie sich beim Aussteigen gegenseitig wegrissen.
Frau Schmidt erwischte ihren Beutel gerade noch,
ehe der Fahrstuhl wieder losfuhr.
|
|
|
Herrn Schmidt erging es nicht besser.
Dübel und Schrauben gab es oben im vierten Stock.
Aber dort gab es auch Kerzen, Kugeln und Lametta.
Das kauften die Leute in großen Mengen. Niemand
außer Herr Schmidt verlangte heute Dübel und Schrauben.
Es dauerte eine ganze Weile, eher er bezahlen konnte.
Dann dauerte es noch einmal so lange, bis er einen
Platz auf der vollen Rolltreppe fand. Erst verlor
er fast das Gleichgewicht, dann verlor er fast seinen
Einkaufsbeutel, den ihm jemand aus Versehen aus
der Hand zerrte. Endlich langte er unten an.
Er ruderte schnell durch die Menschenmenge nach
draußen und rannte hinter das Kaufhaus.
Fast gleichzeitig kam Frau Schmidt an. Beide mussten
einen Weile verschnaufen. In der Nähe hatte ein
Mann Weihnachtsbäume verkauft. Er rief ihnen zu:
"Wie wär's, Herrschaften? Hier habe ich den letzten
Weihnachtsbaum! Ein Sonderangebot zum halben Preis!
Greifen Sie zu, denn ab sofort stelle ich den Verkauf
für ein Jahr ein!"
Herr und Frau Schmidt guckten den kleinen krummen
Baum an, den ihnen der Mann entgegenhielt. Frau
Schmidt schüttelte den Kopf und meinte: "Man hätte
ihn lieber im Wald lassen sollen." Herr Schmidt
erklärte dem Mann: "Danke für Ihr Angebot, aber
wir sind dagegen. Wir lassen Weihnachten nämlich
ausfallen."
"Wieder so eine neue Masche", brummte der Mann.
Er stopfte den kleinen krummen Baum in eine Mülltonne
und brauste in seinem Lastwagen davon.
Zu Hause tranken Herr und Frau Schmidt am Nachmittag
gemütlich Tee, genau wie alle Tage. Dann saßen sie
da und sagten nichts.
Sonst hatten sie sich immer etwas zu erzählen. Jetzt
dachte Herr Schmidt an seinen Traum. Frau Schmidt
dachte an die Weihnachtslieder. Fast hätte sie gesungen,
doch sie sagte lieber: "Also, ich werde nun Wäsche
waschen."
"Gut, dann repariere ich den Kleiderschrank", meinte
Herr Schmidt. Sie standen auf und gingen in die
Küche.
Auf dem Küchentisch lagen die beiden Einkaufsbeutel.
Weil sie aus demselben Kaufhaus stammten, glichen
sie einander aufs Haar. Herr Schmidt nahm den einen
Beutel in die Hand. Dann schnupperte er. Im Beutel
roch es merkwürdig gut. So richtig nach Weihnachten.
Als Herr Schmidt hineingriff, brachte er Lebkuchen,
Äpfel und Zuckerzeug zum Vorschein. Er freute sich
zwar, aber er sagte zu Frau Schmidt: "Was hast du
für ein merkwürdiges Waschpulver gekauft!"
"Kein anderes als sonst", erwiderte Frau Schmidt.
Dann sah auch sie, was in dem Beutel war und rief:
"Das habe ich nicht gekauft! Das ist dein Beutel!
Ich habe geahnt, dass du dich nicht an unsere Abmachung
hältst!" Herr Schmidt war etwas eingeschnappt. Er
rief: "Du irrst dich! Ich habe dies hier gekauft!"
Er drehte den anderen Einkaufsbeutel um. Über den
Küchentisch rollten Kerzen und Kugeln.
Herr und Frau Schmidt guckten sich an und dachten
dasselbe.
Endlich sagte Herr Schmidt: "Ich habe ganz bestimmte
nur Dübel und Schrauben gekauft."
"Und ich nur Waschpulver", sagte Frau Schmidt.
Sie guckten sich wieder an und dachten nach.
"Ja, dann müssen die Beutel im Gedränge vertauscht
worden sein", meinte Frau Schmidt schließlich.
Herr Schmidt sagte: "Wer mag wohl jetzt mit Dübeln,
Schrauben und Waschpulver Weihnachten feiern?" Und
darüber mussten sie lachen.
Herr und Frau Schmidt saßen am Küchentisch. Die
Lebkuchen dufteten. Die Kerzen leuchteten. In den
blanken Kugeln spiegelte sich alles ringsumher.
Draußen läuteten die Glocken. Gleichzeitig sagten
beide: "FROHE WEIHNACHTEN!" und gaben sich die Hand.
Dann sprangen sie auf und zogen die Mäntel an.
Sie liefen durch die leeren Straßen bis hinter das
Kaufhaus.
Dort zogen sie den kleinen krummen Baum aus der
Mülltonne.
|
|
|
|
|